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Friedenskreuz-Abbruchkante.pngJohanna Müller

pax christi

menschen machen frieden - mach mit.

Unser Name ist Programm: der Friede Christi. 

pax christi ist eine ökumenische Friedensbewegung in der katholischen Kirche. Sie verbindet Gebet und Aktion und arbeitet in der Tradition der Friedenslehre des II. Vatikanischen Konzils. 

Der pax christi Deutsche Sektion e.V. ist Mitglied des weltweiten Friedensnetzes Pax Christi International.

Entstanden ist die pax christi-Bewegung am Ende des II. Weltkrieges, als französische Christinnen und Christen ihren deutschen Schwestern und Brüdern zur Versöhnung die Hand reichten. 

» Alle Informationen zur Deutschen Sektion von pax christi

Mit dem Aachener Friedenskreuz an der Abbruchkante

13. Aug 2021

Protest und Widerstand gegen die Zerstörung der Schöpfung, als Ausdruck der christlichen Achtung vor Mensch und Natur, im Gebet zu Herzen genommen, in Stellungnahmen reflektiert, im Mitei-nander bedacht – darum ging es bei dem Kreuzweg, der am 4. Juli 2021 von Gorleben aus zum langen Weg ins Rheinland aufbrach.

Mitglieder des „Gorlebener Gebetes“, einer spirituellen Gemeinschaft aus dem Gorlebener Widerstand, und die Initiative „die Kirche(n) im Dorf lassen“ hatten ihn organisiert und dazu eingeladen. Am 1. August 2021 kam die 4-wöchige Wallfahrt am Ziel in den Orten Keyenberg und Lützerath am Rand des Braunkohle-Tagebaus an.

Für pax christi-Mitglieder, die im Vorfeld davon hörten, war klar: Das Aachener Friedenskreuz muss dabei sein, wenn die Pilgerinnen und Pilger empfangen werden. Der Diözesanvorstand machte sich das Anliegen zu eigen und lud zu diesem letzten Abschnitt der Wallfahrt und zum Schlussgottesdienst ein.

Vom Nikolauskloster in Glehn brachen die Wallfahrer am Sonntagmorgen auf und kamen um 15:00 Uhr in Keyenberg (Erkelenz) an der Kirche an, die demnächst mit dem gesamten Ort verschwinden soll. Das Kirchengebäude war verschlossen, so versammelten sich die Anwesenden auf dem Vorplatz. Die Pilgergruppe wurde von Bürgerinitiativen, politischen Gruppen und religiösen Gemeinschaften begrüßt. Immer wieder wurde dabei bekräftigt, dass für die Vernichtung dieses letzten Landstriches keine Notwendigkeit besteht, dass vielmehr die klimaschädigende Energiegewinnung aus Braunkohle so schnell wie möglich eingestellt werden muss. Man könne nicht wie vorgesehen bis 2038 warten. An uns allen liege es, grundlegend ein neues Verhältnis des Menschen zu Gottes Schöpfung aufzubauen, wie es Papst Franziskus in seiner Enzyklia „laudato si“ eindringlich fordert.



Von Keyenberg brachen die Anwesenden zu den letzten 5 km nach Lützerath auf. Wie schon auf dem ganzen Weg ab Gorleben wurde das gelbe Kreuz der Kirchen-im Dorf-Initiative vorangetragen. Ein weiteres Erkennungsmerkmal waren das MISEREOR-Hungertuch dieses Jahres und ein Transparent mit dem Papstzitat: „Diese Wirtschaft tötet!“ Morgens war der Weg noch ohne Hindernisse begehbar gewesen, bis zum Nachmittag hatte RWE zwei Schranken geschlossen, die nun den Pilgerweg behinderten. Ein Teil des Pilgerzuges unternahm deshalb einen längeren Umweg, bis sie wieder zur Gruppe dazu stoßen konnten. Selbstverständlich wurde auf sie gewartet.

Die nächste Statio wurde an der Mahnwache Lützerath gehalten. Hier hatte der Verfasser dieser Zeilen die für ihn ehrenvolle Aufgabe, das Aachener Friedenskreuz den Freunden aus Gorleben und allen „Fremden“ vorzustellen. An dessen Ursprung stand die Bitte um Vergebung und Frieden. Ohne den Willen zur weltweiten Gerechtigkeit und zur Bewahrung der Schöpfung ist allerdings kein Friede erreichbar, und somit wurde seine Mahnung an diesem letzten Wallfahrtsabschnitt im aktuellen Kontext aufgegriffen und erneuert.

Das Friedenskreuz ist kein Standkreuz, es muss gemeinsam getragen werden. In Erinnerung an die Soldaten, die als Männer nach dem 2. Weltkrieg das Friedenskreuz als Sühnezeichen durch das Bistum Aachen getragen hatten, trugen 5 Männer aus der Leitungsgruppe der diözesanen Männerseelsorge das Kreuz zu seinem Bestimmungsort. Da 8 Personen zum Tragen benötigt werden, wurden ausdrücklich noch Frauen dazu gebeten – diese Trägergemeinschaft entstand selbstverständlich spontan ohne Zögern. 

Das gelbe Kreuz der Pilgergruppe sollte bei seiner Ankunft auf ein Grundstück gebracht werden, auf dem einstmals ein Wegekreuz oder ein Kapellchen gestanden hatte. Es ist von Eiben umwuchert und wird daher von den Teilnehmenden des Pilgerwegs „Eibenkapelle“ genannt. Daneben wurde auch das Friedenskreuz aufgerichtet und blieb während des Abschlussgottesdienstes dort stehen. Es wirkte (so lauteten einige Rückmeldungen) wie eine Bestätigung oder eine Bekräftigung des Rufs zur Umkehr, der im Gottesdienst erneut beschworen wurde. Zwischen Liedern und Gebeten, Ansprachen und Besinnungen kamen auch die Wallfahrerinnen und Wallfahrer mit persönlichen Rückblicken zu Wort. Dabei wurde das Pilgerkreuz an den Ort gestellt, wo es von nun ab nach dem Wunsch der Pilgernden bleiben soll. Nach früheren Gottesdiensten an andren Stellen nahe der Abbruchkante waren solche gelben Kreuze stets von Ordnungskräften weggeräumt worden – der jetzige Verbleibort in einer ehemaligen Kapelle gibt Hoffnung, dass dieses Kreuz diesmal dortbleiben wird.

Ich erlaube mir, zum Schluss einen speziellen Akzent dieses Pilgerzuges in den Blick zu nehmen. Die Freude an der Gemeinschaft und die Bereitschaft zum Bekenntnis wurden getrübt durch einen Polizeieinsatz in Hamm, bei dem der Pilgergruppe der religiöse Charakter ihres Unternehmens abgesprochen und die Wallfahrt als politische Kundgebung fehlgedeutet wurde. Die Gruppenmitglieder klagten über eine rücksichtslose und unnötigerweise gewaltsame Behandlung. Der Innenminister hat eine Untersuchung des Vorgangs angeordnet. Mit diesem Vorfall kommt für mich ein weiterer Aspekt der Friedensthematik in den Blick: Das Verhältnis des Staates zu seinen Bürgerinnen und Bürgern und die Rolle der Staatsorgane. In den Statements im Lauf des Tages kam eine ganze Breite von Einstellungen zum Vorschein, die sich verständlicherweise daran zu orientieren schienen, welche Erfahrungen einzelne Personen im Vorfeld mit der Polizei gemacht hatten. Wenn die Polizei die Staatsgewalt zum Schutz der Bürger darstellen soll, erlaube ich mir die Fragen, in wessen Dienst die Polizei bei den Geschehnissen um den Tagebau gestellt wird, in welcher Weise Polizistinnen und Polizisten auf systemkritische Fragen zu reagieren lernen und wie sich die anstehenden Änderungen im Versammlungsgesetz von NRW auf kritisch-religiöse Veranstaltungen auswirken werden. Ich hoffe, dass die schlechten Erfahrungen nicht zum Normalfall werden.

Manfred Esmajor

 

Aktiv